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Wie Schokolade glücklich macht

Computermodell simuliert den Stoffwechsel der Aminosäure Tryptophan

Schokolade kann glücklich machen: Schon beim Gedanken daran, wie die süße Leckerei auf der Zunge zergeht, wird wohl so manche Naschkatze von einem wohligen Gefühl erfasst.

Vielseitige Aminosäure

Und das kommt nicht von ungefähr, wie Prof. Dr. Stefan Schuster weiß. Der Bioinformatiker hat gemeinsam mit Forschern aus Norwegen ein Computermodell entwickelt, mit dem sich simulieren lässt, was in unserem Körper abläuft, wenn wir die Aminosäure Tryptophan zu uns nehmen, die in Schokolade enthalten ist. Im Journal of Biological Chemistry stellt das Forscherteam das bislang umfassendste Modell des komplexen Stoffwechsels von Tryptophan vor, das neben anderen Substanzen bei der Wirkung von Schokolade eine Rolle spielt (DOI:10.1074/jbc.M113.474908). "Aus Tryptophan entsteht im Körper Serotonin", erläutert Schuster. Serotonin ist ein Hormon und Botenstoff im Gehirn und löst ein Wohlgefühl aus.

Schokolade_kasperDoch nicht nur als "Zutat" für Glücksmomente brauchen wir Tryptophan. Auch für das Schlafhormon Melatonin ist die Aminosäure der entscheidende Bau­stein. "Abbau­produkte von Tryp­tophan spielen wiederum bei einigen neurodegenerativen Erkrankungen sowie bei Alterungsprozessen eine Rolle", macht Schuster die Vielfalt der Wirkungen deutlich.

Der komplexe Tryptophan-Stoffwechsel war bislang biochemisch zwar weitgehend bekannt. "Allerdings lässt sich erst anhand eines Computermodells das Zusammenspiel der Einzelreaktionen und Zwischenprodukte sowie ihrer Regulationsmechanismen als Gesamtsystem erfassen", verdeutlicht Prof. Dr. Ines Heiland, eine der Erstautorinnen der Studie. Die Wissenschaftlerin von der Uni Tromsø war bis vor kurzem am Lehrstuhl von Prof. Schuster tätig und hat mit den Kollegen hier das Modell erarbeitet.

Anwendungsmöglichkeiten für ihr  Computermodell sehen die Forscher in der medizinischen Diagnostik und bei der Entwicklung neuer Therapien für neurodegenerative Erkrankungen. US

Kontakt:
Prof. Dr. Stefan Schuster
Tel.: 03641 / 949580
E-Mail:

Wie Schokolade wirkt, zeigt ein neues Computermodell.

Foto: Kasper

 

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Enzym schaltet Muskelwachstum ab

Pharmazeuten identifizieren bisher unbekannten molekularen „Schalter“

Blutgefe_kasperEin Forscherteam aus Wien und Jena ist bei der Suche nach Naturstoffen, die der Verengung von Blutgefäßen, z. B. bei Arteriosklerose, entgegenwirken, fündig geworden: Wie sie herausfanden, kann ein Derivat von Indirubin, dem roten Strukturverwandten des blauen Indigos, das ungewollte Wachstum von glatten Gefäßmuskelzellen effizient unterbinden. Indirubin-3'-monoxim (I3MO), so der Name des Stoffes, verhindert die Zellteilung von glatten Gefäßmuskelzellen und stoppt somit die Gefäßverengung. Dabei hemmte I3MO selektiv die Aktivität eines Proteins, das nötig ist, damit sich glatte Gefäßmuskelzellen teilen können. Im Fachjournal "The Journal of Biological Chemistry" haben die Forscher die molekularen Mechanismen der selektiven Hemmung des Proteins durch I3MO publiziert (DOI:10.1074/jbc.M113.489013).

Zusammen mit den Wiener Kollegen konnten Jenaer Forscher aus dem Team um Prof. Dr. Oliver Werz zeigen, dass reaktive Sauerstoffspezies und das Enzym 12/15-Lipoxygenase dabei eine wichtige Rolle spielen.

Lipoxygenasen sind Enzyme, die Sauerstoffatome an bestimmte Positionen in Fettsäuren einfügen. So katalysiert die 12/15-Lipoxygenase die Oxygenierung am 12. oder 15. Kohlenstoff-Atom einer ungesättigten Fettsäure. Während in Gefäßmuskelzellen die Aktivität der 12/15-Lipoxygenase und der Gehalt an reaktiven Sauerstoffspezies beim Wachstum normalerweise ansteigen, zeigte sich, dass I3MO dies signifikant unterbinden kann. Das lege den Schluss nahe, dass die Aktivierung von 12/15-Lipoxygenase essenziell ist, um die Zellteilung zu initiieren, so die Forscher. PM

Kontakt:
Prof. Dr. Oliver Werz
Tel.: 03641 / 949801
E-Mail:


Blutgefäße aus glatten Muskelzellen: Ein Forscherteam, zu dem auch Pharmazeuten um Prof. Dr. Oliver Werz gehören, hat jetzt herausgefunden, wie der Naturstoff "I3MO" das Wachstum dieser Zellen steuert.

Foto: Kasper

 

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Wetterbericht aus dem Asteroidengürtel

Mineralogen analysieren Staubpartikel des Asteroiden „25143 Itokawa“

TEM_Langenhorst_kasperExtreme Niederschläge wie Starkregen oder Hagel gehören zu den eher unangenehmen Seiten des irdischen Wetters. Doch solche Ereignisse sind rein gar nichts im Vergleich zu den "Wetter"-Einflüssen, denen Himmelskörper unseres Sonnensystems ausgesetzt sind. Dort hagelt es Gesteinsbrocken bis zur Größe von Hochhäusern und Teilchenstrahlung prasselt unaufhörlich auf sie nieder.

Diese auch als "Weltraum-Wetter" bezeichneten Einflüsse konnten jetzt in einem Labor auf der Erde untersucht werden: An Staubpartikeln des Asteroiden "25143 Itokawa" ist es einem Forscherteam um Prof. Dr. Falko Langenhorst gelungen, die Spuren von Partikel-Einschlägen auf der Oberfläche des Asteroiden nachzuweisen.

Urprozesse im Sonnensystem

Die japanische Raumsonde "Hayabusa" war 2005 auf dem Asteroiden Itokawa gelandet, hatte Bodenproben genommen und sie zur Erde transportiert. Weltweit hat die Weltraumagentur JAXA nur acht Forschern außerhalb Japans Material zur Verfügung gestellt - einer davon ist der Jenaer Mineraloge Langenhorst.

Ziel seiner Untersuchungen war jedoch nicht das Verfassen eines "Weltraum-Wetterberichts": "Uns interessierten in erster Linie die chemische Zusammensetzung und Kristallbaufehler der Asteroidenminerale, denn diese ermöglichen es, Rückschlüsse auf die Urprozesse unseres Sonnensystems zu ziehen", erläutert Langenhorst. So lassen sich anhand der Mineralzusammensetzung der Staubkörnchen Aussagen über die Entstehung des Asteroiden und darüber hinaus über die "Kinderstube" des gesamten Sonnensystems treffen. Die Analyse der Asteroidenpartikel im Jenaer Labor bestätigte jetzt die urtümliche Zusammensetzung von Itokawa und die Strukturveränderungen der Minerale weisen eindeutig auf die Weltraum-Bewitterung hin.

Um die nur 40 mal 50 Mikrometer kleinen Partikel zu untersuchen, haben die Forscher hauchdünne Scheiben herausgefräst und diese mit einem Transmissionselektronenmikroskop analysiert. US

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Tel.: 03641 / 948730
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Am Transmissionselektronenmikroskop arbeiten Dr. Kilian Pollok (vorn) und Prof. Dr. Falko Langenhorst.

Foto: Kasper

 

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Ein Fenster ins Innere von Graphen

Photonisches Modell ermöglicht Charakterisierung des Zukunftsmaterials

Wenn Wissenschaftler von Graphen sprechen, kommen sie leicht ins Schwärmen. Denn das bienenwabenförmige Material aus einer einzelnen Atomlage Kohlenstoff ist für viele potenzielle Anwendungen interessant. "Aufgrund seiner Struktur ist Graphen nicht nur als elektrischer Leiter hervorragend geeignet. Es kann auch als Beschichtung, als Lasermedium oder in Detektoren eingesetzt werden", sagt Prof. Dr. Alexander Szameit. Entscheidend für den praktischen Einsatz sei es, die elektronischen Eigenschaften des Materials präzise bestimmen und gestalten zu können, so der Juniorprofessor für Diamant-/Kohlenstoffbasierte optische Systeme. Und das galt bislang als äußert knifflig.

Doch den Physikern um Prof. Szameit und Prof. Dr. Stefan Nolte ist es mit einem internationalen Team gelungen, das Verhalten von Elektronen in Graphen an einem photonischen Modell umfassend zu charakterisieren. Im Fachmagazin "Nature Materials" stellten die Forscher experimentelle Daten vor, anhand derer sich die elektronischen Eigenschaften insbesondere in den Randstrukturen des Graphen-Kristalls exakt simulieren lassen (DOI:10.1038/NMAT3783).

Die Beschaffenheit der Randbereiche ist entscheidend für die elektronischen Eigenschaften des gesamten Kristalls."Unter bestimmten experimentellen Bedingungen können sich die Elektronen nur entlang der Randbereiche und nicht ins Innere des Kristalls bewegen", erläutert Szameit. Solche sogenannten "Oberflächenzustände" seien ein wichtiges Kriterium, um die Leitfähigkeit von Graphen kontrollieren zu können. In ihrer Studie konnten die Forscher Oberflächenzustände bei bestimmten Randstrukturen nachweisen, die bisher zwar theoretisch vorhergesagt, aber experimentell nicht untersucht werden konnten, weil diese im echten Graphen-Kristall zu instabil sind. US

Kontakt:
Prof. Dr. Alexander Szameit
Tel.: 03641 / 947985
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laser-written-photonic-graphen

Per Laser werden einige Hundert winzige Lichtleiter in einen Glas-Chip graviert, die wie im Graphen in einem Bienenwabenmuster angeordnet sind. So lässt sich die einlagige Kristallstruktur von Graphen simulieren.

Abbildung: Stützer

 

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Kerne mit bitterem Beigeschmack

Biosensor weist giftigen Inhaltsstoff in Aprikosen- oder Mandelkernen nach

Schiller_Mandeln_kasperVitalkraft aus der Natur, Bioaktivstoff, Heilmittel gegen Krebs - mit solchen Begriffen werden bittere Aprikosen- und Mandelkerne im Internet zum Verkauf angeboten. Dabei ist ihre Heilkraft umstritten und ihr Verzehr durchaus problematisch: "Bei übermäßigem Verzehr können Vergiftungserscheinungen von Erbrechen, starken Krämpfen bis hin zu Bewusstlosigkeit auftreten", warnt der Chemiker Prof. Dr. Alexander Schiller.

Der entscheidende Inhaltsstoff ist Amygdalin, der bei der Verdauung hochgiftige Blausäure - auch Cyanid genannt - freisetzt. Ein Wissenschaftlerteam um Alexander Schiller hat jetzt einen Biosensor entwickelt, mit dem Amygdalin in wässriger Lösung unkompliziert detektiert werden kann. Der Sensor basiert auf einem Boronsäure-Rezeptor, der das Cyanid-Ion bindet und mit Hilfe eines fluoreszierenden Farbstoffes sichtbar macht. Damit sei das System potenziell als Schnelltest geeignet, um den Amygdalin-Gehalt in den im Handel erhältlichen Fruchtkernen zu messen, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Chemistry - A European Journal" (DOI: 10.1002/chem.201302801).

Chemisch gesehen besteht Amygdalin aus zwei Glukose-Einheiten verknüpft mit einer Cyanhydrin-Funktion eines Benzaldehyds. Wasser und das Enzym Beta-Glucosidase, das natürlicherweise im menschlichen Körper vorkommt, sorgen dafür, dass die stabile Verbindung aufbricht: Der Zuckeranteil wird abgespalten und das freigewordene Cyanhydrin zerfällt spontan in Benzaldehyd und das giftige Cyanid. Genau diese chemische Reaktion haben sich die Forscher zunutze gemacht, indem sie ihren Proben das Enzym hinzugefügt und die Abspaltung gezielt forciert haben. Sobald das Cyanid freigesetzt ist, beginnt der Sensor zu leuchten.
Bittere Aprikosen- und Mandelkerne enthalten bis zu acht Prozent Amygdalin. Das entspricht etwa fünf Milligramm Cyanid in einem einzigen Aprikosenkern - eine Menge, die bereits Vergiftungserscheinungen hervorrufen kann. Der neue Biosensor kann vor diesem Hintergrund künftig auch einen Beitrag zur Lebensmittelsicherheit leisten. ch

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Tel.: 03641 / 948113
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Prof. Dr. Alexander Schiller spürt gesundheitsgefährdendes Amygdalin in Bittermandeln auf.

Foto: Kasper

 

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Anordnung wie von Geisterhand

Polymerforscher lassen „Raupen“ aus Nanopartikeln wachsen

Raupe-RaupenmizelleZellen von Pflanzen und Tieren sind ein Beispiel dafür, wie die Natur - ausgehend von molekularen Strukturen des Erbguts - zielgerichtet immer größere Einheiten aufbaut. Die Nanotechnologie versucht dieses "Bottom-up"-Prinzip zu kopieren, indem sie die Fähigkeit von Nanopartikeln zur selbstständigen Strukturbildung nutzt.

Polymerwissenschaftler aus Bayreuth, Aachen, Jena, Mainz und Helsinki haben im Fachmagazin "Nature" ein neuartiges Prinzip der Selbst-Aggregation vorgestellt, das künftig sowohl für die weitere Erforschung dieser Prozesse als auch für technologische Anwendungen nutzbar sein könnte (DOI: 10.1038/nature12610).

Ausgangspunkt dafür sind kettenartige Makromoleküle mit einer Größe zwischen 10 und 20 Nanometern. Es handelt sich, chemisch gesprochen, um Triblock-Terpolymere. Diese bestehen aus drei kettenartig miteinander verbundenen Abschnitten ("Blöcken"). Die Forschungsgruppe, an der auch Juniorprofessor Dr. Felix Schacher beteiligt ist, konnte diese Makromoleküle dazu veranlassen, sich zu Nanopartikeln mit einem Durchmesser von rund 50 Nanometern zusammenzuschließen.

Die Wissenschaftler haben dieses Verfahren auf zwei Sorten von "Triblock-Terpolymeren" angewendet: Aus der einen Sorte entstehen Nanopartikel, die sich zu kugelartigen Überstrukturen zusammenfinden; aus der anderen Partikel, die sich in kettenartigen Überstrukturen organisieren. Diese unterschiedlich strukturierten Nanopartikel wurden nun so gemischt, dass sie gemeinsam - in einem Prozess der Co-Aggregation - eine völlig neue Überstruktur bilden. Betrachtet man diese mit dem Elektronenmikroskop, fällt ihre Ähnlichkeit mit einer farbenprächtigen Schmetterlingsraupe auf: Deshalb bezeichnen die Forscher sie als "Raupenmizelle".

Das Bottom-up-Prinzip eröffnet weitreichende Zukunftsperspektiven, vor allem durch die Vielzahl der Makromoleküle, die als Grundbausteine infrage kommen. So können gezielt bestimmte Funktionalitäten in die Großstrukturen eingeschleust werden, etwa die Sensibilität für Umgebungseinflüsse (Temperatur, Licht) oder die Schaltbarkeit. Denkbare Anwendungen wären die Nanolithographie oder die zeitlich und lokal vorprogrammierte Medikamentenfreisetzung. PM

Kontakt:
Prof. Dr. Felix Schacher
Tel.: 03641 / 948250
E-Mail:

Eine "Raupenmizelle" aus Nanopartikeln und ihre Namensgeberin (o. l.).


Fotos: AG Müller/Anest/Shutterstock.com

 

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Der „Stromer“ ist alltagstauglich

Informatiker haben E-Mobil im täglichen Einsatz erprobt

Das Elektroauto steht an der Startlinie, kommt aber nicht so richtig in die Gänge. Noch stehen einem Siegeszug der E-Mobilität etliche Hürden im Weg. Dazu gehören die relativ geringe Reichweite der meisten E-Autos, der hohe Anschaffungspreis und die fehlende Infrastruktur.

Vorwiegend Akzeptanzproblem

"Das Elektroauto hat aber vor allem ein Akzeptanzproblem", weiß Katharina Nagel. Die Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Softwaretechnik von Prof. Dr. Wilhelm Rossak möchte herausfinden, wo die Hürden für die E-Mobile liegen. Derzeit laufen am Lehrstuhl zwei Studien zur Elektromobilität: das Projekt eTelematik, das die Einsatzgebiete von elektromotorisch betriebenen Nutzfahrzeugen auslotet und SmartCityLogistik Erfurt, das dazu dient, den Einsatz von E-Mobilen in der Großstadt zu untersuchen.

Aktuell steht den Informatikern für ihre Forschungen ein i-MiEV von Mitsubishi Motors als Testfahrzeug zur Verfügung. Dabei handelt es sich um ein Serienfahrzeug, das mit zusätzlichen Messgeräten aufgerüstet wurde. Nach ca. 8.000 Testkilometern kann Prof. Rossak jetzt ein erstes Fazit ziehen: Die Wissenschaftler bescheinigen dem Fahrzeug durchaus Alltagstauglichkeit, machen jedoch Einschränkungen. So seien größere Strecken nur mit sorgfältiger Planung zu bewältigen.

Insbesondere die vielerorts fehlenden Ladestationen machen Langstrecken zum Abenteuer: "Einmal fanden wir keine öffentliche Ladestation und nutzten dann die Stromversorgung auf einem Wohnmobilstellplatz", sagt Nagel. Zusätzlich kompliziert werde es, weil unterschiedliche Steckersysteme angeboten werden. Normalerweise macht es jedoch keine Probleme, den i-MiEV zu laden: Seine Lithium-Ionen-Batterie kann innerhalb von acht Stunden an jeder herkömmlichen, gesicherten 230-Volt-Haushaltssteckdose vollständig geladen werden.

Im Alltag ist das E-Mobil daher eine echte Alternative zum Benziner: "Die in Deutschland durchschnittlich pro Tag zurückgelegte Fahrstrecke beträgt unter 50 km", sagt Katharina Nagel.

Mit Hilfe der gesammelten Daten werden die Jenaer Wissenschaftler nun Reichweitenmodelle erstellen, mit denen sich Fahrten im E-Mobil zielgenau planen lassen. sl

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Tel.: 03641 / 946335
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E-Mobil_kasper

Katharina Nagel hat ein E-Mobile getestet und wird nun mit ihren Kollegen Reichweitenmodelle erstellen.

Foto: Kasper

 

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Seltene Erbkrankheit entschlüsselt

Genetische Ursache einer Störung des autonomen Nervensystems geklärt

Die drei Geschwister, Kinder blutsverwandter pakistanischer Eltern, hatten schon im ersten Lebensjahr große Probleme beim Schlucken und Essen, und ihre Tränendrüsen arbeiteten nicht. Eine erbliche Erkrankung war aufgrund der Familiensituation wahrscheinlich. Ähnlichkeit bestand mit dem sogenannten Triple-A-Syndrom, für das neben dem Fehlen der Tränen und Muskelstörungen der Speiseröhre auch eine Schwäche der Nebenniere charakteristisch ist. Letztere fehlte im Krankheitsbild der drei Kinder und auch eine Analyse des mit dem Triple-A-Syndrom assoziierten Gens bestätigte, dass diese Erkrankung nicht vorlag.

"Wir untersuchten daraufhin das gesamte Exom, also alle kodierenden Abschnitte des Genoms, der Familie mit dem modernsten und schnellsten Verfahren der Genomanalyse", sagt Prof. Dr. Christian Hübner, Direktor des Instituts für Humangenetik. "Bei beiden Eltern fanden wir eine heterozygote Mutation im GMPPA-Gen, d. h. neben der Normalform lag auch eine mutierte GMPPA-Variante vor."

Gen mit Regulationsfunktion

Bei den betroffenen Kindern lag die elterliche Mutation homozygot vor, d. h. sie trugen kein funktionelles GMPPA mehr. Veränderungen im selben Gen fanden die Humangenetiker auch bei zehn weiteren Patienten in Europa, die wegen ihrer schweren Symptome behandelt werden. Seine Ergebnisse veröffentlichte das Forscherteam im American Journal of Human Genetics (DOI:10.1016/j.ajhg.2013.08.002).

Das Gen GMPPA ist noch wenig untersucht. Das mit ihm eng verwandte Gen GMPPB verschlüsselt ein Protein, das eine wichtige Rolle bei der Anbindung spezieller Zuckermoleküle an Proteine und Lipide spielt. Ist dieser Prozess gestört, so kommt es zu Lähmungen der Muskulatur des Schulter- und Beckengürtels.

Bei der gefundenen Mutation im GMPPA-Gen war allerdings das Enzym, das den Zucker anbindet, normal aktiv, die Konzentration des Zuckers in Immunzellen aber stark erhöht. "Das ist ein Hinweis darauf, dass GMPPA als Regulator in diesem Prozess wirkt, und zeigt uns einen wichtigen Krankheitsmechanismus bei genetischen Veränderungen auf", wertet Christian Hübner das Ergebnis. Für die von dem Gendefekt betroffenen Patienten eröffne das Forschungsergebnis möglicherweise eine Diät als Behandlung. Das wird Gegenstand künf­tiger Untersuchungen sein. vdG

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Prof. Dr. Christian Hübner vom Institut für Humangenetik und sein Team haben die Mutation im Gen GMPPA aufgespürt.


Foto: privat

 

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„Rattenlinien“ nach Südamerika

Historiker hat die schwierige Suche nach Kriegsverbrechern aufgearbeitet

Stahl_kasperRatten verlassen in panischer Eile ein brennendes Haus. Dieses Bild hatten Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes CIC wohl vor Augen, als sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Begriff "rat lines" prägten. Die "Ratten" waren SS-Männer und andere Kriegsverbrecher, die das in Schutt und Asche liegende Europa verließen. Ihre "Rattenlinien" führten - mit tatkräftiger Unterstützung der katholischen Kirche - vornehmlich nach Südamerika.

"Zu den beliebtesten Zielen in Südamerika gehörte Argentinien unter Juan Peron", sagt Dr. Daniel Stahl. Der Historiker hat in seiner Dissertation untersucht, welche Bemühungen es in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gab, die nach Südamerika Geflüchteten vor Gericht zu bringen. Seine Ergebnisse hat er in Buchform veröffentlicht: "Nazi-Jagd. Südamerikas Diktaturen und die Ahndung von NS-Verbrechen" heißt der Band (ISBN 978-3-8353-1112-1), in dem er argumentiert, dass die Nazi-Jagd nicht allein Teil der strafrechtlichen Aufarbeitung der NS-Verbrechen war, sondern auch der Auseinandersetzung mit den Diktaturen Südamerikas.

Argentinien hatte - obwohl offiziell neutral - mit den Achsenmächten sympathisiert und sich erst unter außenpolitischem Druck zum Kriegsende den Alliierten zugewandt. Der 1947 an die Macht gekommene Präsident Juan Peron habe sowohl den Kommunismus als auch den Kapitalismus US-amerikanischer Prägung abgelehnt. In den Justizflüchtigen sah er deshalb Gleichgesinnte, die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse stufte er als Akte von Siegerjustiz ein. So fanden prominente Kriegsverbrecher wie der Auschwitz-Arzt Josef Mengele und der Holocaust-Organisator Adolf Eichmann Unterschlupf im Land.

Präventive Entführung?

Die Neubewertung des Falles Eichmann gehört zu den interessantesten Erkenntnissen seiner Spurensuche. Stahl, der selbst in Paraguay aufgewachsen ist, kommt zu dem Schluss, dass es bei Eichmanns Entführung durch Agenten des Mossad nicht nur um die strafrechtliche Aufarbeitung des Judenmords ging: "Der Geheimdienst und Ben Gurion gingen davon aus, dass Eichmann eine wichtige Funktion in einer nationalsozialistischen Untergrundorganisation zukam, die für eine Welle antisemitischer Anschläge Ende der fünfziger Jahre verantwortlich sein sollte." sl

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Für seine Arbeit erhielt Dr. Daniel Stahl den mit 10.000 Euro dotierten Förderpreis "Opus Primum" der VolkswagenStiftung.

Foto: Kasper

 

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Im Schatten Darwins

Der Naturforscher Alfred Russell Wallace hat die Evolution auch entdeckt

Wallaceteam_gntherIm Sport wie in der Wissenschaft gilt der Zweite bereits als erster Verlierer. Besonders krass bekam dieses Verdikt der britische Naturforscher Alfred Russell Wallace (1823-1913) zu spüren. "Obwohl Wallace unabhängig von Charles Darwin das Prinzip der natürlichen Selektion entdeckt hat, ist er bis heute nicht aus dem Schatten Darwins herausgetreten", sagt Prof. Dr. Uwe Hoßfeld. Wallace finde nur selten Erwähnung, konstatiert der Biologiedidaktiker. Besonders bitter, so Hoßfeld, sei die Tatsache, dass Wallace als Autodidakt zu bewundernswerten Erkenntnissen kam: "Vielen Wissenschaftlern gilt Wallace im Vergleich zu Darwin als der originellere Denker." Hoßfeld und sein Kollege Prof. Dr. Ulrich Kutschera aus Kassel haben anlässlich des 100. Todestages des Gelehrten ein Wallace-Sonderheft der in Jena beheimateten Zeitschrift "Theory in Bio­scien­ces" herausgegeben.

Außerdem haben Hoßfeld und seine Kollegen Prof. Dr. Lennart Olsson (Jena) und Dr. Georgy S. Levit (Halifax und St. Petersburg) im Fachmagazin "Nature" die Rolle dargestellt, die Wallace und seine  Arbeiten in Russland gespielt haben (DOI: 10.1038/503039c). "Russland gilt als ein Schmelztiegel des Darwinismus", sagt Zoologe Olsson. Die Ideen Darwins und Wallace' seien in universitären Zentren wie Moskau, St. Petersburg oder Kasan sehr rasch aufgenommen worden, doch die Debatte darüber blieb in Europa u. a. wegen der Sprachbarriere weitgehend ungehört. sl

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Prof. Dr. Uwe Hoßfeld
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(v. l.) Prof. Dr. Uwe Hoßfeld, Dr. Georgy S. Levit und Prof. Dr. Lennart Olsson haben das Werk des Briten Alfred Russell Wallace erforscht.

Foto: Günther

 

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letzte Änderung:  am 2018-05-29 12:02:05   © FSU Jena nach oben  Seitenanfang