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Förderliche Krisen

Psychologen erforschen, welche Auswirkungen ein Schuljahr im Ausland für die Identitätsentwicklung bei Jugendlichen hat
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17.10.2018
Ein Schuljahr im Ausland ist gut für die Entwicklung vieler Schülerinnen und Schülern. Es stärkt sie trotz mancher Identitätskrisen nachhaltig, haben Jenaer Forscher ermittelt.
Foto: Anne Günther/FSU Ein Schuljahr im Ausland ist gut für die Entwicklung vieler Schülerinnen und Schülern. Es stärkt sie trotz mancher Identitätskrisen nachhaltig, haben Jenaer Forscher ermittelt.
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Es gibt viele gute Gründe für Jugendliche, ein Schuljahr im Ausland zu verbringen: Sie lernen andere Menschen und Kulturen kennen, verbessern ihre Sprachfähigkeiten, sie werden selbstständiger. Und sie erleben Identitätskrisen, die sie kurzzeitig erschüttern, schließlich aber nachhaltig stärken. Das fanden nun Psychologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena heraus. Im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes PIRATS - "Personality, Identity, and Relationship Experiences in Adolescent Trajectories" - befragten sie 741 Schülerinnen und Schüler im Alter von 14 bis 17 Jahren, 457 von ihnen absolvierten ein solches Auslandsjahr. Über ihre aktuellen Ergebnisse berichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin "Developmental Psychology".     

"In der Regel schreitet die Identitätsentwicklung während des Erwachsenwerdens relativ geradlinig fort", sagt Prof. Dr. Franz J. Neyer, der die Studie gemeinsam mit seinen Kollegen Dr. Henriette Greischel und Prof. Dr. Peter Noack durchgeführt hat. "Doch wir konnten zeigen, dass es in diesem Prozess auch auf und ab gehen kann." Erstmals sei dies nun im Längsschnitt belegt, da die Jenaer Psychologen die Schüler vor, während und nach dem Auslandsjahr befragten und somit auch die Transitionsphasen abbilden konnten.

Dadurch erfuhren die Forschenden, dass Jugendliche aufgrund der neuen Eindrücke ihr Selbstbild deutlich hinterfragten und somit "Identitätskrisen" durchlebten. "Währenddessen fühlen sich die Schüler nicht unbedingt gut - sie machen etwas durch. Aber die dabei gemachten Erfahrungen stellen sich später als positiv und wichtig heraus", sagt Neyer.


Heimatland und Freundeskreis infrage gestellt 

Auf zwei Parameter konzentrierten sich die Jenaer Psychologen bei der Auswertung der Identitätsentwicklung besonders: die Beziehung zum Heimatland und das Freundschaftskonzept der Befragten. So identifizierten sich die Auslandsschüler besonders stark mit ihrem Heimatland, kurz nachdem sie es verlassen haben. Nach ihrer Rückkehr allerdings schwächten sich diese Werte deutlich ab. "Durch die Erweiterung des eigenen Horizonts stellen sich die Schüler Fragen, über die die Daheimgebliebenen nicht nachdenken, etwa woher sie eigentlich kommen, ob sie gern in Deutschland leben oder ob sie sich auch ein Leben in einem anderen Land vorstellen können", informiert der Jenaer Experte.

Ähnlich verhält es sich mit dem sozialen Umfeld. Auch die Bindungen zu Freunden und Eltern verstärkten sich zu Beginn des Auslandsaufenthaltes, werden aber nach der Rückkehr stärker hinterfragt. Gedanken wie: Passt dieser Freundeskreis zu mir? und Wie sehr identifiziere ich mich über meine Freunde? kommen auf - und somit ein intensiver Reflexionsprozess, der sich später als wertvoll herausstellen kann. Bei der Vergleichsgruppe konnten die Jenaer Wissenschaftler solche Effekte nicht feststellen.

Ihnen ist es aber wichtig zu betonen, dass sich Jugendliche auch ohne Auslandsjahr gut entwickeln. Nicht jede Person sei für eine solche Ausnahmesituation geschaffen. Die meisten Schüler, die ein Auslandsjahr absolvieren, seien auch vorher schon offener und extravertierter. "Doch unsere Forschungsergebnisse sprechen deutlich dafür, die Förderungen in diesem Bereich auszubauen, um Auslandsaufenthalte unabhängig vom Bildungs- und Einkommenshintergrund der Eltern zu machen", sagt Neyer. 

Originalpublikation:
H. Greischel, P. Noack, F. J. Neyer (2018): Oh, the Places You'll Go! How International Mobility Challenges Identity Development in Adolescence. Developmental Psychology. doi: 10.1037/dev0000595

Kontakt:
Prof. Dr. Franz J. Neyer
Institut für Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Humboldtstraße 11, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945161
E-Mail:

 

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