Schnelleinstieg Reader

Home|Suche|Friedolin|Webmail de

Wortmarke FSU

Durchs wilde Kurdistan...


Aus dem Herbarium Haussknecht (JE)


Kreuz und Quer. Die kartographische Visualisierung der Orientreisen von Carl Haussknecht 1882

 

Die vier Karten werden in der Sammlung des Herbarium Haussknecht aufbewahrt und sind Teil der aktuellen Sonderausstellung "Durchs wilde Kurdistan … Carl Haussknechts Forschungsreisen in den Orient", die vom 30. November 2013 bis 1. März 2014 in der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB) präsentiert wird. Wie dreidimensionale Landschaftselemente auf zweidimensionales Papier gebracht wurden, verdeutlicht die Ausstellung zur Geschichte der Karthographie "Relief und Karte" im Ernst-Haeckel Haus bis zum 31. März 2014.

 

Im Jahre 1882 erschien im Verlag von Dietrich Reimer (Berlin) die vierteilige Karte Prof[essor] C[arl] Haussknecht's Routen im Orient. Diese hatte der Kartograph Heinrich Kiepert (1818-1899) nach entsprechenden Originalskizzen des Botanikers Carl Haussknecht (1838-1903) angefertigt. Dargestellt war der Verlauf der Reisen, die Haussknecht auf Anraten des Schweizer Botanikers Pierre Edmond Boissier (1810-1885) von Anfang Februar bis Ende Dezember 1865 zunächst über Nordsyrien bis in das Quellgebiet des Euphrat und anschließend, ab Herbst 1866 bis in das Jahr 1869, durch Mesopotamien nach Teheran und an den Persischen Golf geführt hatten.

 

Uni Jena Herbarium Haussknecht Reisekarten Nord-Syrien, Mesopotamien und Süd-Armenien 1882Abb.

Blätter I und II


Die Blätter I und II bilden im Maßstab 1:600.000 den Verlauf der Reisen in Nord-Syrien, Mesopotamien und Süd-Armenien ab. Zur genaueren Darstellung einzelner Gebiete und der dort dominierenden topographischen Details sind das Armenische Gebiet von Zeitun, der Verlauf des Euphrat in der türkischen Provinz bei Palu sowie die Landschaft um die Stadt Temran in vergrößertem Maßstab als Nebenkarte eingedruckt. Diese Darstellungen beschränken sich auf ein inselhaftes Hervorheben der Situation entlang des Routenverlaufs, ohne weitere Details der umliegenden Regionen zu betonen.

Uni Jena Herbarium Haussknecht Reisekarte Haussknecht Kurdistan Irak 1882

Blatt III 

Im Maßstab 1:800.000 ist auf Blatt III die Wegstrecke in Kurdistan und im Irak dargestellt. Nebenkarten behandeln Details der Route im Norden Persiens (im heutigen Iran, nördlich Teherans), eine Grenzregion in Kurdistan sowie eine 'herangezoomte' Darstellung eines bestimmten Abschnittes der Reise in der persischen Provinz Kermānschāh.

 Uni Jena Herbarium Hausknecht Reisekarte Zentral- und Südpersien 1882 

Blatt IV 


Die vierte Teilkarte bezieht sich auf den Verlauf der Reise in Zentral- und Südpersien, also in den Territorien des persischen Kernlandes und visualisiert eindrucksvoll die "Kreuz- und Querlinien"  der von Haussknecht bewältigten Wegstrecken.

Der für die Herstellung der einzelnen Kartenblätter verantwortliche Kartograph, Heinrich Kiepert, war ein Schüler und Mitarbeiter des Geographen Carl Ritters (1779-1859) und hatte sich während seines Studiums in Berlin u.a. mit der Geschichte des antiken Griechenlands beschäftigt. Er begab sich in den Jahren 1841 und 1842 auf eine Forschungsreise nach Vorderasien, hierfür erfuhr er finanzielle und materielle Förderung durch die in Berlin ansässige "Gesellschaft für Erdkunde". Kieperts Karten von Kleinasien erlangten besonderen Ruhm, auch durch den Umstand, dass Ritter damit seine entsprechenden Werke kartographisch illustrieren ließ. Kieperts 15-teilige Spezialkarte des westlichen Kleinasien (1:250.000), erschienen 1890/1892 in Berlin, setzte in der Kartographie des Orients Maßstäbe.

Für die Arbeit am Konvolut der Karten zur Haussknechts Orientreisen wurde der Verlauf der Reiseroute anhand der notierten geographischen Ortsbestimmungen, "unwirthliche[n] Landstrecken" und "meist nicht frei gewählten Wegelinien" akribisch aus den Tagebucheintragungen Haussknechts rekonstruiert.  Messdaten lieferten hierzu u.a. eine Diopterbussole sowie ein Aneroidbarometer und ein Siedethermometer.  Kiepert legte den Fokus auf die exakte Darstellung der Route und der unmittelbar angrenzenden Gebiete in einem hohen Detailgrad. Zusätzlich trug er bereits bekannte Kartenmaterialen zusammen und wertete diesen mitunter bereits historisch gewordenen Quellenkorpus erneut aus. Dazu gehörte u.a. eine Originalaufnahme des preußischen Offiziers Traugott Wilhelm Heinrich von Mühlbach (1795-1848), der zusammen mit dem späteren preußischen Generalfeldmarschall Helmuth Karl Bernhard von Moltke (1800-1891) in den Jahren ab 1837 an einer Militärmission in der Türkei teilgenommen hatte und hier an einem Feldzug gegen die Kurden sowie am Syrischen Krieg, als Teil der Orientkrise, beteiligt war. Aber auch noch während der Fertigstellung der Zeichnung war Kiepert bemüht, aktuellste topographische Informationen, wie die Berichte des Persienreisenden Friedrich Carl Andreas (1846-1930), der ab 1875 in dieser Region weilte, in den Entwurf mit einfließen zu lassen. In dieser Qualität bislang nicht verfügbar, konnten nun umfassende Details der Oro-, Hydro- und Topographie eingetragen werden. Auch das politische Kolorit wurde bearbeitet, wodurch strittige Grenzziehungen erfasst und dokumentiert werden konnten.

Nach der Fertigstellung der Zeichnungen und deren Übertragung auf mehrere Lithographiesteine wurden die Karten entsprechend vervielfältigt. Im Gegensatz zum früher üblichen Kupferstich, bei dem kein flächiger Farbendruck möglich war, konnte auf den Orientkarten das Relief mittels Lithographie braun-geschummert eingetragen werden und erzielte aufgrund seiner Farbgebung eine eindrucksvolle Fernwirkung. Das Gradnetz auf den einzelnen Hauptkarten war nach den Nullmeridianen von Greenwich und Paris orientiert. Neben der Maßstabszahl (1:x) war ein graphischer Maßstab eingezeichnet, um Umrechnungen von deutschen und englischen Längenangaben zu ermöglichen. In entsprechenden Legenden wurden Abkürzungen lokaler geographischer Bezeichnungen erläutert und auch Symbole, wie etwa für "künstliche Hügel" erläutert. Zu ausgewählten Städten waren Höhenangaben im Fußmaß notiert worden. Die Bezeichnung der Ortsangaben erfolgte zum Teil durch arabische Schreibweisen sowie in Lautsprache. Hier galt es sowohl unterschiedliche Sprachen, wie Arabisch, Türkisch und Persisch, aber auch regionale Dialekte wie Lurisch zu differenzieren. Für die Darstellung der Orte und ihrer unterschiedlichen Größe und Einwohnerzahl wurden verschiedene Signaturen verwendet. Unterschiedliche Schriftgrößen dienten der Abgrenzung bestimmter politischer und geographischer Regionen. Die Reiseroute selbst wurde durch eine eigenständige Signatur dokumentiert und nachträglich per Hand koloriert.

Haussknecht hatte sich aufgrund seines Studiums im Vorfeld der Unternehmungen zwar mit der wissenschaftlichen Beobachtungspraxis auf Reisen auseinandergesetzt, doch blieben, trotz eines detailerfassenden Blickes für Geographie und Topographie, sprachliche Barrieren bestehen. Dies lag nach Einschätzungen Kieperts auch an den heimatlichen Bezügen Haussknechts: "Je weniger im allgemeinen feinere consonantische Nuancen durch das deutsche Ohr scharf aufgefasst und da bekanntlich besonders in Thüringen, dem engeren Vaterlande unseres H[er]rn Autors, leicht harte und weiche Consonanten in der Aussprache verwechselt zu werden pflegen, um so leichter konnten Irrthümer dieser Art in der Aufzeichnung der gehörten Namen unterlaufen […]."  Aufgrund der unterschiedlich, möglicherweise fehlerhaft notierten bzw. interpretierten Ortsbezeichnungen gab es Abweichungen der geographischen Benennungen von Orten und Landschaftsformen, die aber ob des großen wissenschaftlichen Mehrwertes der neuen, kritischen Kartographie dieser Orientregionen zu verschmerzen waren oder aber "[…] die Berichtigung von künftigen, sprachlich noch sicherer vorbereiteten Reisenden erwarten."

Dem potentiellen Käufer der Karte von Carl Haussknechts Orientreise war somit eine umfassende, hochdetaillierte Handreichung zur Verfügung gestellt. Dazu urteilte ein zeitgenössischer Rezensent: "Wenn es unter allen Umständen ein zweifelloses Verdienst ist, ein unbekanntes Land bekannt zu machen, so hat ein solches Verdienst für die Wissenschaft doppelten und dreifachen Werth, wenn das entdeckte Land nicht eine kultur- und geschichtslose Steppe mit halbnackten Wilden, sondern ein altes Kulturland und der Schauplatz bedeutungsvoller Ereignisse der Weltgeschichte ist; bringt jene Art Entdeckungen den Studien Europa's zehnfachen Gewinn, so dürfen wir den Gewinn von dieser Art getrost auf das hundertfache veranschlagen." 

 

A. Christoph (Ernst-Haeckel-Haus, Jena)

Kontakt

Dr. Hans-Joachim Zuendorf
E-Mail

Fürstengraben 1
D-07743 Jena
Tel. +49(0)3641 949 280

nicht öffentlich -
Voranmeldung erforderlich

Homepage

Bundesweite Aktion der HRK-Mitgliedshochschulen Partnerhochschule des Spitzensports Link zur Coimbragroup Jenaer Familiensiegel Total E-Quality partnerlogos